DVGW-Bildungsbeirat verabschiedet Thesenpapier zum Thema

Digitale Transformation der Beruflichen Bildung

Zwei Jahre nach dem Auftreten der ersten Fälle in Deutschland ist die Corona-Pandemie weiterhin präsent. Neben einer Vielzahl von gesellschaftlichen, politischen wie auch marktwirtschaftlichen Auswirkungen sowie gravierenden Folgen für das Gesundheitssystem sind auch die verschiedenen Weiterbildungseinrichtungen mit den Auswirkungen konfrontiert worden: Lockdowns, (Reise-)Restriktionen und Kontaktbeschränkungen haben in vielen Fällen dazu geführt, dass sich die bisherige Veranstaltungslandschaft verändert hat bzw. die bislang vorhandenen Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden mussten. Online- statt Präsenzangebote, neue Anforderungen an z. B. Lehrende, Home-Schooling und Online-Prüfungen sind nur einige Aspekte in diesem Kontext.

von: Dr. Markus Lermen (DVGW Berufliche Bildung)

Foto: geralt/pixabay

Eine Vielzahl von neuen Formaten ist seit März 2020 aus der Not heraus entstanden, die es zu bewerten gilt. Und auch wenn vielfach der Wunsch nach Präsenzveranstaltungen geäußert wird und viele Veranstaltungen wieder
in Präsenz durchgeführt werden können (und sollen), so wird es kein Zurück zur Vor-Corona-Phase mit einer reinen Ausrichtung auf Präsenz geben. Viele Teilnehmende und Referentinnen/ Referenten schätzen auch die Vorteile von
Online-Formaten.

Nach den anfänglichen Ad-hoc-Realisierungen gilt es jetzt, die in den letzten beiden Jahren gewonnenen Erkenntnisse in eine nachhaltige strategische Ausrichtung des Veranstaltungsangebots des DVGW zu überführen. Daher
gründete der DVGW-Bildungsbeirat im April 2021 eine Arbeitsgruppe, welche die zukünftige Ausrichtung näher beleuchten sollte.

Die daraus entstandenen „Elf Thesen zur digitalen Transformation der Beruflichen Bildung“ geben programmatische Hinweise, wie zukünftig
das Produktportfolio gestaltet werden sollte.

Die genauen Inhalte dieser Thesen sind nachfolgend aufgeführt:

Elf Thesen zur digitalen Transformation der Beruflichen Bildung¹

Präambel

Die Digitalisierung gewinnt in ihren verschiedenen Facetten zunehmend Einfluss auf die Unternehmen der Gas- und Wasserbranche und führt zu weitreichenden Veränderungen – nicht zuletzt in Bezug auf den Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Dies spiegelt sich in neuen Erwartungen bzw. Ansprüchen der Teilnehmenden und Unternehmen wider, ebenso wie in veränderten Anforderungen durch die neue (digitale) Arbeitswelt und den sich gerade vollziehenden Generationswechsel.

Insbesondere werden neue Kompetenzen benötigt, die es in der Aus- und Weiterbildung aufzugreifen gilt. Die Angebote der Beruflichen Bildung müssen diesen Entwicklungen Rechnung tragen.

Dem DVGW als technisch-wissenschaftlicher Verein kommt dabei in besonderem Maße die Aufgabe zu, die Schnittstellen zwischen fachlicher
und digitaler Kompetenz zu gestalten. Im Folgenden soll der Fokus auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Berufliche Bildung und das Angebotsspektrum gelegt werden.

Für eine moderne und zukunftsorientierte Berufsbildung, die den heutigen und zukünftigen Anforderungen gerecht wird, sind folgende Thesen richtungsweisend und bestimmen die weitere Entwicklung der Beruflichen Bildung:

1. Duale Nachfrage

Digitale Technologien erlauben zunehmend den Einsatz von Online-Formaten in der Bildung. Diese Entwicklung wurde während der Corona-Pandemie stark beschleunigt und teilweise erst möglich gemacht. Dabei ist eine Vielzahl von
Angeboten entstanden und es sind positive Erfahrungen gesammelt worden, sodass auch nach der Corona-Pandemie eine Nachfrage nach Online-Formaten vorhanden sein wird. Gleichzeitig bleiben nach wie vor Präsenzformate für bestimmte Veranstaltungen und Zielgruppen
erforderlich (z. B. Erfahrungsaustausche, Networking, praktische Aus- und Weiterbildung). Das Portfolio der Beruflichen Bildung muss zukünftig
beide Formate bedienen.

2. Allgemeine Vorteile der Digitalisierung und verstärkte Nachfrage nach digitalen Formaten

Digitalisierung in der Bildung bietet viele Vorteile: hohe Verfügbarkeit, Reichweite und Flexibilität der Angebote, räumliche und zeitliche Flexibilität von Dozenten und Teilnehmenden, Optimierung von Reiseaufwand und CO2-Emissionen als wichtige Argumente für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz, Qualitätsverbesserung z. B. durch eine erhöhte Transparenz
oder durch neue Möglichkeiten der Aufbereitung und Darstellung von Inhalten und deren Aktualität („modernes Lehrbuch“).

Zu erwarten ist auch, dass in Bezug auf mobiles Arbeiten und digitale Meetings die in der Corona-Zeit gewonnenen Erfahrungen Einfluss auf die Dienstreiserichtlinien in den Unternehmen haben werden. Zukünftig wird mit (zumindest teilweisen) Einschränkungen von Dienstreisen in der
Versorgungswirtschaft zu rechnen sein, woraus sich die Notwendigkeit alternativer digitaler Austausch- und Bildungsformate zur Aufrechterhaltung
der Qualifikationen ergibt. Gleichzeitig lassen sich dadurch auch kurzfristig sich ergebende Zeitfenster in Unternehmen für Qualifizierungsmaßnahmen
nutzen.

3. Hohe Verfügbarkeit

Die Reduzierung von Zugangsbarrieren durch das Angebot digitaler Lernformate, z. B. Reisezeiten oder -kosten, ermöglicht zukünftig
mehr Beschäftigten als bisher, von den DVGW-Bildungsangeboten profitieren zu können. Digitale und analoge Formate zu gleichen Lerninhalten können – wenn möglich – parallel angeboten werden, um unterschiedlichen
Lernpräferenzen und Lebenssituationen von Teilnehmenden gerecht zu werden.

Für den DVGW besteht zugleich die Chance, das Lernangebot auszubauen, da Inhalte mit z. B. eher informativem Charakter (Regelwerksanpassungen,
…) schneller über synchrone Formate (z. B. Webinare) platziert werden
können, womit auch bisherige Zugangsbarrieren für die Gewinnung von Referentinnen/Referenten (Reisezeiten) entfallen. Durch Einbindung eines Learning-Management- Systems werden – im Gegensatz zu Präsenzoder
Webinarformaten – wichtige Lerninhalte zeitlich jederzeit verfügbar und abrufbar (asynchrone Lernformate).

4. Neue Formate

Es ist an der Zeit, neue Lernformate einzuführen. Neben 1:1-Realisierungen (d. h. Abbildung von Präsenzveranstaltungen online) müssen zukünftig verstärkt Blended-Learning-Formate sowie hybride Formate angeboten werden. Dabei gilt es, das jeweils passende (optimale) Lernformat für die entsprechende Zielgruppe und die definierten Lernziele zu finden.

Digitalisierung in der Bildung beinhaltet dabei stets eine Vielzahl an unterschiedlichen Lernformaten. Dies impliziert ein wachsendes Bildungsangebot mit größeren Auswahlmöglichkeiten entsprechend
den individuellen Lernpräferenzen der Teilnehmenden.

5. Gleichwertigkeit

Präsenz- und Online-Formate sind als qualitativ gleichwertig anzusehen. Unterschiede liegen insbesondere in der Zielsetzung und der Zielgruppe,
z. B. in der Erreichbarkeit der Gruppen (kleine Versorger, Bezirksgruppen, abgelegene Regionen) oder dem Ausbildungsstand. Dabei gilt es, die Grenzen der Technik, des interaktiven Austauschs und der digitalen Vermittlung auszuloten und zu berücksichtigen.

Praxisanteile (z. B. Schweißer-Schulungen, Funktionsprüfung an GDRMA, RSA-Schulungen) können nicht vollständig durch Online-Formate ersetzt, aber sinnvoll ergänzt werden. Ebenso erfordern Veranstaltungen, deren Absolventinnen und Absolventen Verantwortung für Teile der (kritischen) Infrastruktur (vor allem in Sicherheitsfragen) übernehmen sollen, die physische Präsenz, damit man im direkten Kontakt einen Eindruck von der Persönlichkeit und Eignung der Kandidatinnen und Kandidaten gewinnen kann.

6. Prüfungen online

Mit einer entsprechenden technischen, didaktischen und organisatorischen Absicherung bzw. Unterstützung sind Online-Prüfungen eine gleichwertige Alternative zu Präsenz-Prüfungen. Mit einer entsprechenden Proctoring-
Technologie können diese datenschutzkonform und rechtssicher abgewickelt werden.

7. Kooperationen

Speziell die Digitalisierung von Veranstaltungen macht Kooperationen und gemeinsame (Entwicklungs-)Projekte sinnvoll, um eine hohe Skalierbarkeit zu erreichen sowie Investitionen in technische Entwicklungen zu begründen.

8. Anforderungen an Lehrende

Durch die digitalen Angebote ändern sich die Anforderungen an die Lehrenden. Diese haben einen maßgeblichen Einfluss auf den Lehr- und
Lernerfolg ihrer Teilnehmenden. Hier ist Unterstützung seitens des DVGW in Form von regelmäßigen Referentenschulungen (z. B. zu den Voraussetzungen und Möglichkeiten der verwendeten technischen Tools, den persönlichen
Anforderungen an eine optimale Online-Wirkung und -Didaktik, der Interaktion mit den Teilnehmenden und Gruppenarbeiten im digitalen
Raum etc.) geboten.

Neben der fachlichen Expertise wird zukünftig die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien für Referentinnen/ Referenten unabdingbar sein; eine fehlende digitale Kompetenz bei ihnen wird folglich zwangsläufig dazu führen, dass sie lediglich in Präsenzformaten eingesetzt werden können.

9. Neue Aufgabenfelder der DVGW Beruflichen Bildung

In der Einheit DVGW Berufliche Bildung werden durch die Einführung digitaler Lernangebote neue Aufgabenfelder entstehen, welche veränderte Rollen- und Stellenprofile erfordern und damit die Personalauswahl und die Zusammenstellung der Teams beeinflussen. Mit der Einführung entsprechender Softwarelösungen sind aber auch organisatorische Erleichterungen, Prozessoptimierungen (digitale Schulungsmaterialien,
Feedbackbögen, …) und Effizienzsteigerungen verbunden. Die digitalen Angebote bergen zudem neue Möglichkeiten und Anforderungen für das Veranstaltungs-Marketing.

10. Netiquette und Spielregeln

Die Nutzung von digitalen Lernangeboten erfordert Selbstdisziplin und die Einhaltung von Regeln („Netiquette“) von allen Beteiligten. Dies gilt vor allem für die Interaktion mit Referierenden sowie unter den Teilnehmenden
(z. B. Gruppenarbeiten), die als wesentlicher Baustein in Online-Konzepten zu verankern sind. Zu den Spielregeln gehört es gleichfalls, dass Unternehmen, die Online-Lernzeiten wie Präsenzlernen behandeln, digitale Veranstaltungen
als gleichwertig anerkennen und Teilnehmende für die erforderlichen Lernzeiten in Online-Formaten (z. B. Webinare/WBTs) freistellen.

11. Technische Ausstattung

Sowohl auf Seiten der Anbieter (z. B. professionelle Aufnahme-/Übertragungsqualität, Software-Tools) als auch seitens der Teilnehmenden
(z. B. IT-Ausstattung, E-Mail-Zugang) müssen technische Voraussetzungen und Standards vorhanden sein bzw. geschaffen werden. Nur so kann es gelingen, qualitativ hochwertige Maßnahmen für Lehrende und Lernende gleichermaßen passend zur Verfügung zu stellen.

INFORMATIONEN

Der Bildungsbeirat ist satzungsgemäß für die Legitimierung der Bildungsarbeit im DVGW e. V. zuständig. Er hat u. a. die Aufgabe, über strategische Fragestellungen zur beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung zu beraten.
Aktuell umfasst der Beirat 37 Mitglieder, die auf Vorschlag des Vorstands vom Präsidium gewählt worden sind. Vorsitzender ist Dr. Markus Ulmer, Prokurist und Leiter Geschäftsfeld Leitungsbau bei der Stadtwerke Karlsruhe Netzservice GmbH.

Kontakt:

Dr. Markus Lermen
DVGW Berufliche Bildung
Josef-Wirmer-Str. 1–3
53123 Bonn
Tel.: 0228 9188-5
E-Mail: beruflichebildung@dvgw.de
Internet: www.dvgw-veranstaltungen.de

¹Das Thesenpapier wurde entwickelt von: Sascha Adamski (Stadtwerke Essen AG), Thomas Anders (DVGW-Landesgruppe Baden-Württemberg),
Edgar Boer (Gelsenwasser AG), Udo Dehne (Wasserwerk der Stadt Schwabmünchen), Thomas Diesel (Mainfranken Netze GmbH), Wolfgang Geis
(Syna GmbH), Dr.-Ing. Markus Lermen (DVGW Berufliche Bildung) und Dr.-Ing. Bernhard Naendorf (Gas- und Wärme-Institut Essen e. V.) und in
der Sitzung des Bildungsbeirats des DVGW e. V. vom 2. Dezember 2021 verabschiedet.