Erneuerbare Energien ausbauen, Netze weiterentwickeln und gleichzeitig den demografischen Wandel bewältigen: Die Energiewirtschaft braucht dafür qualifizierte Menschen. Doch das gegenseitige Abwerben von Fachkräften innerhalb der Branche löst das Personalproblem nicht. Deshalb nehmen wir in dieser Folge den Quereinstieg in den Blick. Mit Jonathan Lichter von der Callidus Energie GmbH und Benjamin Lange von der Energienetze Offenbach GmbH sprechen wir darüber, wie Fachkräfte aus anderen Branchen für die Energiewirtschaft gewonnen und erfolgreich integriert werden können und wo der Quereinstieg an Grenzen stößt.

Jonathan Lichter ist Geschäftsführer der Callidus Energie GmbH und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Quereinstieg. Die Personalberatung unterstützt Unternehmen der Energiewirtschaft bei der Besetzung entscheidender Schlüsselpositionen und begleitet Menschen aus anderen Branchen bei ihrem Weg in die Energiebranche.

Benjamin Lange ist studierter Wirtschaftsingenieur und seit 2024 Abteilungsleiter Netzdienstleistungen und Prokurist bei der Energienetze Offenbach GmbH. Er übernimmt die Betriebsführung von fünf Teams und beschäftigt sich zur Besetzung der Stellen zunehmend mit dem Thema Quereinstieg.
Wenn erfahrene Beschäftigte in den Ruhestand gehen und gleichzeitig durch Energiewende und Netzausbau neue Aufgaben entstehen, wird die Personalgewinnung für Energieunternehmen zunehmend anspruchsvoll. Jonathan Lichter und Benjamin Lange sind sich einig: Der Blick auf Kandidat*innen aus der eigenen Branche allein reicht nicht mehr aus. Der Quereinstieg ist eine Möglichkeit, um die entstehenden Lücken zu füllen.
Dabei geht es um mehr als das Schließen offener Stellen. Menschen aus anderen Branchen – etwa aus IT, Prozessmanagement oder anderen Märkten, die ähnliche Veränderungen bereits durchlaufen haben – bringen Erfahrungen, Arbeitsweisen und andere Sichtweisen mit. Gerade angesichts neuer Anforderungen rund um Automatisierung, KI und IT können diese zusätzlichen Blickwinkel helfen, schneller und innovativer zu werden.
Wir sind gar nicht mehr in der Lage, die ganzen Stellen nachzubesetzen. Der Fachkräftemangel ist in der Energiewirtschaft extrem, da können wir nicht mehr nur aus dem eigenen Portfolio schöpfen.
Benjamin Lange
Abteilungsleiter Netzdienstleistungen bei den Energienetzen Offenbach
Wer von außen auf die Energiewirtschaft blickt, sieht häufig nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Jobwelt. Genau hier setzt die Callidus-Energiebrücke an. Das Unternehmen stellt bei der Beratung nicht allein die bisherigen beruflichen Positionen, sondern die individuellen Talente, Wünsche und Ziele der Kandidat*innen in den Mittelpunkt. In Gesprächen und mit psychologischer Unterstützung wird zunächst herausgearbeitet, welche Tätigkeiten dazu passen könnten. Auf dieser Basis werden passende Jobprofile entwickelt und mögliche Weiterbildungen, Ausbildungen sowie die Vorbereitung auf Interviews und die neue Arbeitskultur geplant.
Meine Erfahrung ist, dass es immer eine hoch individuelle Geschichte ist. Jeder Mensch ist anders und jede*r bringt etwas anderes mit. Deshalb klären wir am Anfang: Welche Talente besitzt die Person und was möchte sie eigentlich tun.
Jonathan Lichter
Geschäftsführer der Callidus Energie GmbH
Callidus unterstützt auch Energieunternehmen dabei, für schwer zu besetzende Stellen gezielt in anderen Branchen nach Menschen mit passenden Kompetenzen zu suchen. Nach dem Einstieg steht die Beratung bei Bedarf als Vermittlerin bei Missverständnissen zur Verfügung und begleitet Führungskräfte und Fachbereiche bei Fragen rund um Integration, Offenheit und Kultur.
Die Energienetze Offenbach kennen die Problematik: Spezifische Stellen werden ausgeschrieben und es bewirbt sich niemand. Deshalb richtet sich der Blick inzwischen stärker über die eigene Branche hinaus. Entscheidend ist dabei nicht nur, welche Anforderungen Kandidat*innen bereits erfüllen, sondern auch, welche Fähigkeiten sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums entwickeln können.
Nicht alles, was in der Stellenbeschreibung steht und was wir erwarten, muss jemand sofort mitbringen. Das Wichtige ist, sich reinzufuchsen und neue Ideen einzubringen.
Benjamin Lange
Abteilungsleiter Netzdienstleistungen bei den Energienetzen Offenbach
Die bisherigen Erfahrungen sind positiv: Quereinsteiger*innen können sowohl benötigte technische Fähigkeiten und Soft Skills als auch andere Denkansätze mitbringen. Gleichzeitig müssen Unternehmen realistisch bleiben: Wer neu in die Energiewirtschaft kommt, braucht Zeit, um ihre komplexen Zusammenhänge und gewachsenen Prozesse zu verstehen. Erfolgreicher Quereinstieg braucht neben Zeit auch Interesse, Durchhaltevermögen und Offenheit auf beiden Seiten.
Um einen Quereinstieg erfolgreich zu gestalten, sollten Unternehmen sich grundsätzlich mit dem Thema auseinandersetzen: Welche Menschen wollen wir gewinnen und warum? Welche Weiterbildung benötigen sie und wie sorgen wir dafür, dass sie nach dem Einstieg gut integriert werden? Daraus ergeben sich weitere Fragen, zum Beispiel nach geeigneten Herkunftsbranchen und einem HR-Marketing, das potenzielle Quereinsteiger*innen überhaupt erreicht. Denn eine offene Stellenanzeige allein sorgt nicht automatisch dafür, dass Menschen außerhalb der Energiewirtschaft eine Position als realistische berufliche Option wahrnehmen.
Es ist wichtig, erstmal die richtigen Fragen zu stellen. Denn Quereinstieg ist keine Plug-and-Play-Lösung, sondern viel komplexer.
Jonathan Lichter
Geschäftsführer der Callidus Energie GmbH
Ebenso wichtig ist die interne Vorbereitung. Offenheit, Geduld und die Bereitschaft, neue Blickwinkel zuzulassen, schaffen die Grundlage dafür, dass Quereinsteiger*innen ihre Stärken einbringen können. Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei HR und Führungskräfte: Personalabteilungen können die Integration zwischen Kandidat*innen, Fachbereichen und Teams begleiten, während Führungskräfte die notwendige Offenheit für neue Perspektiven schaffen. Gleichzeitig sollten Unternehmen genau prüfen, für welche Positionen ein Quereinstieg sinnvoll ist. Bei hoch spezialisierten Expertenstellen können konkrete Ausbildungen und tiefes Branchenwissen weiterhin unverzichtbar sein.