Frauen sind in gewerblich-technischen Berufen nach wie vor unterrepräsentiert. Noch immer beeinflussen tradierte Vorstellungen darüber, welche Berufe vermeintlich zu Männern und welche zu Frauen passen, die Berufsorientierung. Gleichzeitig steht das Handwerk vor der Aufgabe, mehr Frauen für die Branche zu gewinnen und weiterzuentwickeln – auch mit Blick auf den künftigen Fachkräftebedarf. Mit Karin Pöhler vom Projekt „Frauen im Handwerk“ und Lisa Brunner vom SHK-Fachverband Baden-Württemberg besprechen wir in dieser Folge, wie Unternehmen Frauen gezielt ansprechen können und welche Unterstützungsangebote es für Frauen in technischen Berufen gibt.

Karin Pöhler ist Referentin für Fachkräftesicherung beim Landesverband HANDWERK BW und leitet das Projekt „Frauen im Handwerk“, das landesweit Netzwerk für Handwerkerinnen. Als Koordinatorin ist es ihr ein zentrales Anliegen, vielfältige Angebote für alle Zielgruppen im Bereich „Frauen im Handwerk“ zu schaffen, den Austausch zu fördern und Handwerkerinnen in ihrer beruflichen Laufbahn nachhaltig zu stärken.

Lisa Brunner ist studierte Wirtschaftspsychologin und Referentin für Marketing, Veranstaltungen und Social Media beim Fachverband Sanitär-Heizung-Klima Baden-Württemberg. Ende 2025 hat sie das Azubinetzwerk GIRLS@SHK für weibliche Auszubildende der SHK-Gewerke ins Leben gerufen und veranstaltet seitdem regelmäßige Treffen mit den Nachwuchskräften. Ihr Herzensprojekt ist es, Frauen im Handwerk sichtbar zu machen und zu stärken.
Ob junge Frauen einen technischen Beruf als mögliche Karriereoption wahrnehmen, hängt davon ab, wie Unternehmen und die Branche insgesamt auftreten. Das beginnt bei Stellenanzeigen, die Frauen ausdrücklich ansprechen oder geschlechtsneutral formuliert sind und reicht bis zu Bildern aus Unternehmen, auf denen Frauen selbstverständlich in technisch-gewerblichen Tätigkeiten zu sehen sind. Praktika, Girls’Day und andere Aktionstage bieten zusätzlich die Möglichkeit, technische Berufe selbst kennenzulernen. Unternehmen können so dazu beitragen, tradierte Vorstellungen von vermeintlichen Männer- und Frauenberufen aufzubrechen.
Wir wollen die Botschaft raussenden, dass der Beruf ein hochqualifizierter Beruf ist, den man unabhängig des Geschlechts machen kann.
Lisa Brunner
Referentin beim SHK-Fachverband Baden-Württemberg
Eine besondere Rolle spielen dabei weibliche Vorbilder. Sind Frauen bereits im Unternehmen oder werden Handwerkerinnen in der Öffentlichkeitsarbeit sichtbar, wird aus einem abstrakten Berufsbild eine konkrete Perspektive. Denn Berufsorientierung beginnt nicht erst mit der Stellensuche: Technikförderung in der Schule, Eltern und das allgemeine Image des Handwerks beeinflussen die Berufswahl. Role Models können hier Türen öffnen, indem sie zeigen, dass Frauen in technischen Berufen längst ihren Platz haben und für Fragen und Austausch zur Verfügung stehen.
Frauen für das Handwerk zu gewinnen, ist nur ein Teil der Aufgabe. Ebenso wichtig ist es, weibliche Auszubildende und Fachkräfte in der Branche zu halten und ihnen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu bieten. Gerade wenn Frauen im Betrieb oder in der Berufsschule stark unterrepräsentiert oder sogar die einzigen Frauen sind, fehlen ihnen häufig die alltäglichen Netzwerke, die männliche Kollegen ganz selbstverständlich vorfinden. Netzwerktreffen und Mentoringprogramme schaffen deshalb einen geschützten Rahmen für fachliche Fragen, Erfahrungen im Team, persönliche Themen oder die eigene Karriereplanung. Die Angebote sollen damit nicht Frauen bevorzugen, sondern ihnen vergleichbare Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung ermöglichen.
Es geht darum, einen geschützten Rahmen zu haben, um sich auszutauschen. Die Männer haben das im Prinzip: Wenn die morgens in den Betrieb kommen, haben sie eine große Auswahl an Kollegen, mit denen sie sich über alle möglichen Themen austauschen können. Bei Frauen ist es vor Ort nach wie vor nicht so und deshalb bieten unsere Angebote genau diesen geschützten Rahmen.
Karin Pöhler
Projektleiterin „Frauen im Handwerk“
Die vorgestellten Angebote begleiten dabei unterschiedliche Phasen des Berufswegs. Neben weiblichen Auszubildenden stehen auch Fach- und Führungskräfte sowie mögliche Betriebsnachfolgerinnen im Blickpunkt. Workshops und Impulse greifen beispielsweise Kommunikation, Schlagfertigkeit und Karrierewege auf, Beratungen und Netzwerktreffen ergänzen das Angebot. Ziel ist es, Frauen nicht nur für die Branche zu gewinnen, sondern sie zu stärken, Stolpersteine abzubauen und ihre langfristige Bindung an das Handwerk zu unterstützen.
Unternehmen können die Entwicklung aktiv unterstützen, ohne sämtliche Angebote selbst bereitstellen zu müssen. Gerade kleinere Betriebe können ihren weiblichen Auszubildenden häufig keine größere Gruppe gleichgesinnter Kolleginnen bieten, externe Netzwerke können diese Lücke schließen. Entscheidend ist, Mitarbeiterinnen über solche Möglichkeiten zu informieren, ihnen die Teilnahme an Veranstaltungen zu ermöglichen und fachliche Angebote beispielsweise durch Freistellung zu unterstützen. Gleichzeitig braucht es ein gutes Onboarding, Rückhalt von Führungskräften und Kolleg*innen sowie die nötige Sensibilität für mögliche Hürden im Arbeitsalltag.
Ich erlebe bei den Kontakten mit den Betrieben häufig eine große Offenheit und Interesse, Frauen anzusprechen und (noch mehr) Frauen ins Team zu holen.
Karin Pöhler
Projektleiterin „Frauen im Handwerk“
Von den Netzwerken können auch die Unternehmen selbst profitieren. Workshops können Nachwuchskräfte beispielsweise dabei unterstützen, gegenüber Kundschaft oder anderen Gewerken souveräner aufzutreten. Auch Betriebsklima, Kundennähe und Image können nach Einschätzung von Karin Pöhler und Lisa Brunner von gemischten Teams profitieren. Unterstützungsangebote für Frauen sind damit nicht nur eine Frage des Einstiegs ins Handwerk, sondern können auch dazu beitragen, Fachkräfte weiterzuentwickeln und langfristig an die Branche zu binden.
Mehr Informationen zum Projekt „Frauen im Handwerk“ und zum Netzwerk GIRLS@SHK gibt es auf den jeweiligen Websites.