Keine Scheu vor Matsch und Mathe: Eriks Alltag im Kanalbau

Im Ausbildungszentrum BAU ABC üben die Auszubildenden wichtige Arbeitsschritte des Kanalbaus unter realistischen Bedingungen. Foto: BAU ABC

Den ganzen Tag im Büro sitzen und Akten wälzen? Für Erik Janssen war das nach dem Abitur nicht das Richtige. Er suchte nach einer Herausforderung, bei der er abends sieht, was er mit den eigenen Händen geschaffen hat. Fündig wurde er in einem Berufsfeld, das viele gar nicht auf dem Schirm haben: dem Kanalbau. Heute absolviert er ein duales Studium der Baubetriebswirtschaft in Kombination mit der Ausbildung zum Kanalbauer und bereitet sich so ideal auf seinen Berufswunsch als Bauleiter vor.

Einem handwerklichen Beruf war Erik nie abgeneigt. Immerhin arbeiten sowohl sein Vater als auch seine Schwester im Handwerk. Deswegen verschlug es Erik zunächst für ein Praktikum in eine Zimmerei. Dass es für den heute 20-Jährigen schlussendlich der Tiefbau werden sollte, hätte er nicht gedacht: „Hätte man mir vor anderthalb Jahren gesagt, dass ich im Kanalbau bin, dann hätte ich das damals nicht geglaubt“, gibt Erik zu. 

Doch eine Online-Recherche nach dualen Studiengängen und ein anschließendes einwöchiges Praktikum bei seinem heutigen Ausbildungsbetrieb, der Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH, änderten alles. Die Faszination für die Arbeit unter der Erdoberfläche war geweckt.

Berufesteckbrief

Kanalbauer für Infrastrukturtechnik

Alle Infos über den Beruf, die Aufgaben, Voraussetzungen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten findest du im Steckbrief zur Ausbildung als Kanalbauer für Infrastrukturtechnik.

Mann untersucht große Pipeline

Wenn Mathe auf Rohrgraben trifft

Mit dem Abitur in der Tasche konnte Erik die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen, sodass er direkt in das zweite Ausbildungsjahr eingestiegen ist. Sowohl in der Berufsschule als auch im BAU ABC, dem überbetrieblichen Ausbildungszentrum, werden im ersten Lehrjahr zunächst Fremdgewerke behandelt, die zwar für das Grundverständnis eine wichtige Rolle spielen, aber nicht prüfungsentscheidend sind. 

Erst ab Mitte des zweiten Lehrjahrs folgen die fachrelevanten Inhalte zum Kanal- und Straßenbau, sodass der 20-Jährige gut in die Ausbildung reinfinden konnte. „Ein paar Basics, wie das Wissen zu unterschiedlichen Bodenarten oder bestimmte Formeln, haben mir gefehlt. Das konnte ich dann aber schnell nacharbeiten, sodass keine große Lücke entstand“, erklärt Erik.

Die theoretische Ausbildung ist in insgesamt 16 Lernfelder unterteilt, die über drei Jahre verteilt sind und Themen von der Baustellenabsicherung bis zur Wiederherstellung von Pflasterflächen abdecken. Besonders für jemanden wie Erik mit einem Mathe-Leistungskurs bietet der Kanalbau überraschend viele Anknüpfungspunkte. 

„Mir macht das schon Spaß, dann auch mal zu rechnen“, erzählt er. Kanalbauer*innen müssen beispielsweise das Volumen berechnen, um zu prüfen, wie viel Erde aus einer Baugrube ausgehoben werden muss, ermitteln, wie viel Wasser benötigt wird, um eine neu gelegte Leitung auf Dichtheit zu kontrollieren oder Normvorgaben berücksichtigen, um festlegen zu können, wie tief eine Grabensohle sein muss, um ein sicheres Arbeiten zu gewährleisten.  

Mathe ist eine wichtige Grundlage in der Ausbildung, aber es ist einfacher als in der Schule, weil man hier weiß, wofür man das Volumen oder die Fläche berechnet.

Erik Janssen
Auszubildender zum Kanalbauer bei der Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH

Das BAU ABC als Übungsfeld

Gemeinsam mit seinen zehn Mitschüler*innen aus der Berufsschule verbringt der Azubi mehrere Wochen pro Jahr im BAU ABC in Rostrup, wo die praktischen Fähigkeiten auf den Übungsbaustellen trainiert werden. Neben den Übungen im Kanal- und Straßenbau gehört auch das Maurerhandwerk zu den Grundfähigkeiten eines Kanalbauers. In der Abschlussprüfung muss jeder angehende Kanalbauer beweisen, dass er einen Schacht fachgerecht mauern kann. Eine Aufgabe, die Erik besonders viel Spaß macht, da er hier die volle Verantwortung für sein Einzelprojekt trägt.

In Gruppenprojekten mit drei bis vier Personen werden zudem verschiedene Arbeitsaufträge simuliert. So bauen die Azubis Rohrgräben mit Schaufeln aus, legen Rohre mit Schächten an oder kombinieren Kanalbauprojekte mit dem Straßenbau, indem sie beispielsweise Hofabläufe installieren und anschließend die darüberliegenden Gehwegpflaster verlegen. Ein besonderes Extra im BAU ABC ist der Erdbaugeräteführerschein. Hier lernen die Auszubildenden in Theorie und Praxis, wie man Radlader oder kleinere Bagger bis zu einer gewissen Last sicher bedient.

Luftbild BAU ABC Rostrup

Das BAU ABC in Bad Zwischenahn ist das überbetriebliche Ausbildungszentrum für Bauberufe. Foto: BAU ABC Bad Zwischenahn 

Erik hat den Vorteil, dass er in der Nähe des Ausbildungszentrums wohnt und am Ende des Tages nach Hause fahren kann. Für Auszubildende, die nicht aus der direkten Umgebung kommen und pendeln können, bietet das BAU ABC eine Unterbringung in einem Internat, in Pensionen oder Hotels an. Die Kosten hierfür werden in der Regel übernommen (z. B. durch die SOKA-BAU). 

Der Tag beginnt für viele mit einem gemeinsamen Frühstück in der Kantine, wobei Pendler*innen sich Frühstücksmarken auch selbst kaufen können. Während die im Internat wohnenden Azubis abends verschiedene Freizeitaktivitäten nutzen können, endet der Tag für Pendler*innen nach Abschluss der jeweiligen Tagesprojekte.

Großbaustellen und Schweißarbeit

Wenn Erik nicht in der Schule oder im BAU ABC ist, arbeitet er in seinem Ausbildungsbetrieb Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH, einem Bauunternehmen, das im Hoch-, Tief- und Ingenieur- sowie Wasserbau tätig ist. Dort unterstützt Erik aktuell auf den Baustellen, meist Großbaustellen mit, um sein Wissen aus der Theorie zu vertiefen und in realen Arbeitssituationen unter Beweis zu stellen.

Ein Highlight ist, dass man wirklich jeden Tag sieht, was man geschafft hat. Also wenn man morgens auf der Baustelle bei Schacht Nummer 10 ist und dann abends nach Hause fährt und 70 Meter weiter bei Schacht Nummer 12 angekommen ist, ist das schon ein tolles Gefühl.

Erik Janssen
Auszubildender zum Kanalbauer bei der Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH

In der Regel arbeitet Erik mehrere Monate auf der gleichen Baustelle, sodass er dort jeden Handgriff lernen kann. Zuletzt hat der Azubi bei einem Auftrag unterstützt, bei dem auf einer Strecke von 1,2 Kilometern eine Schmutzwasserleitung verlegt wurde. „Wir mussten auf der gesamten Länge Rohre verlegen und die einzelnen Rohrelemente miteinander verschweißen“, erinnert sich der 20-Jährige.

Das Team auf einer solchen Baustelle ist groß und perfekt eingespielt. Neben Bauleiter, Polier und Vorarbeiter arbeiten meist mehrere Kanalbauer*innen und Baugeräteführer*innen Hand in Hand. Erik ist fest in eine Kolonne integriert, was ihm besonders gut gefällt: „Jeder kennt sich und weiß, was zu tun ist.“

Die Arbeit auf der Baustelle ist definitiv nicht zu unterschätzen, doch zum Glück erledigt heute viel die Technik: Schwere Lasten wie Steine werden per Maschine bewegt, sodass Erik in Regel nur kleinere Arbeitsgeräte und Baumaterialien tragen muss. Möglich ist das nur, weil er und seine Kollegen fast ausschließlich Großprojekte betreuen und in anderen Dimensionen bauen als auf anderen Baustellen im Tiefbau.

Ein typisches Vorurteil ist die schwere körperliche Arbeit. Das kann ich in meinem Fall nur halb bestätigen. Auf den Baustellen arbeiten wir meist mit schweren Bauteilen und -materialien, die werden von Maschinen von A nach B transportiert. Werkzeug oder kleinere Geräte tragen wir selbst.

Erik Janssen
Auszubildender zum Kanalbauer bei der Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH

Allerdings darf man keine Scheu vor dem Wetter haben. Ob brennende Sonne im Sommer oder eisige Kälte im Winter: Kanalbauer*innen sind immer draußen. Zudem gehört das Tragen von langer Arbeitskleidung zum Standard-Arbeitsschutz, um sich vor Sand und Schmutz zu schützen, auch wenn es heiß ist. Bei Arbeiten an bestehenden Schmutzwasserleitungen ist zudem eine Hepatitis-A-Impfung dringend empfohlen, um gegen gesundheitliche Risiken abgesichert zu sein.

Ratgeber

Ab auf die Baustelle: Einblick in das BAU ABC in Rostrup

Ausbilder David Urban-Werner verrät im Interview, wie die Ausbildung für Spezialtiefbauer im BAU ABC aussieht und was die Ausbildung dort ausmacht.

Luftbild BAU ABC Rostrup

Studium und Zukunftsaussichten

Im September begann für Erik der zweite Teil seiner Ausbildung: Das Studium der Baubetriebswirtschaft an der Hochschule Osnabrück startete. Seine Ausbildung läuft parallel dazu bis zum Sommer 2027 weiter. Mit seinem Ausbildungsbetrieb hat Erik vereinbart, dass während der Vorlesungszeiten das Studium Vorrang hat, um sich vollständig auf die Lehrveranstaltungen konzentrieren zu können. 

Das bedeutet aber auch eine straffe Zeitplanung, denn der 20-Jährige wird seine Semesterferien nutzen, um die verpassten Wochen im BAU ABC nachzuholen. Bis zum Ende der Ausbildung wird Erik weitere praktische Berufserfahrung auf den verschiedenen Baustellen sammeln, bevor er ins Büro wechselt, um die Bauleiter*innen bei ihren Projekten zu unterstützten.

Für Erik lohnt sich dieser Aufwand. Er ist überzeugt, dass er als späterer Bauleiter enorm davon profitieren wird, das Handwerk von der Pike auf gelernt zu haben. Sein Rat an alle, die noch unschlüssig sind: einfach mal ein Praktikum machen und den Beruf ausprobieren. Wer gerne an der frischen Luft arbeitet, sich für Technik begeistert und einen krisensicheren Job sucht, für den könnte der Kanalbau genau das Richtige sein.

Es ist auf jeden Fall ein Job, der auch in der Zukunft noch benötigt wird. Es werden immer häufiger neue Kanäle gebraucht durch die Städte, die immer größer werden. Wenn man Lust darauf hat, dann ist das ein Job, den man bis zum Ende seines Lebens machen kann.

Erik Janssen
Auszubildender zum Kanalbauer bei der Depenbrock Ingenieurwasserbau GmbH

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