Vom Gummistiefel im Kanal zum Rechenmodell im Ingenieurbüro: Max hat den Tiefbau von der Pike auf gelernt. Mit einer Ausbildung zum Kanalbauer und dem Bauingenieurwesen-Studium in der Tasche kombiniert er heute praktisches Baustellenwissen mit moderner Infrastrukturplanung, um die Wasserwirtschaft von morgen zu gestalten.
Der Weg in die Baubranche war für Max Aeils schon fast vorgezeichnet: Seine Eltern sind Bauingenieure ebenso wie seine beiden Großväter. Trotzdem wollte er nach dem Abitur nicht sofort im Hörsaal verschwinden, sondern zunächst das Handwerkliche lernen. Nach einem Schulpraktikum entschied sich der heute 25-Jährige für den Tiefbau. „Es war ganz klar das Kleinkinderherz, das bei großen Baumaschinen schneller schlägt“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Riesige Baugruben und Schachtbauwerke faszinierten ihn deutlich mehr als klassische Hoch- und Einfamilienhäuser.
Eigentlich hatte Max sich um einen Ausbildungsplatz als Rohrleitungsbauer beworben. Im Vorstellungsgespräch stellte sich aber heraus, dass es schon einige Auszubildende in dem Bereich gab, jedoch keine im Kanalbau. Max informierte sich also, was die Ausbildung zum Kanalbauer umfasst, und sagte zu.
So startete Max seine Ausbildung zum Kanalbauer bei der Tell Bau GmbH in Norden in dem Unternehmen, in dem er bereits das Praktikum im Tiefbau absolviert hatte. Wie in vielen technisch-handwerklichen Ausbildungsberufen setzte sich seine Ausbildung aus drei Teilen zusammen: Berufsschule, Betrieb und überbetriebliches Ausbildungszentrum.
Alle Infos über den Beruf, die Aufgaben, Voraussetzungen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten findest du im Steckbrief zur Ausbildung als Kanalbauer.
An seinen ersten Tag im Bau ABC Rostrup erinnert Max sich noch genau: Er sollte sofort einen Schacht mauern. Da Max die Ausbildung aufgrund des Abiturs auf zwei Jahre verkürzen konnte, übersprang er das erste Ausbildungsjahr. So stand er ohne vorherige Grundlagen „mit meinem nigelnagelneuen Werkzeug ein bisschen wie der Ochs vor dem Berg“, lacht er heute. Die Ansage seines Ausbilders: Probier erstmal selbst aus und komm dann mit konkreten Fragen auf mich zu. So lernte Max, sich Aufgaben im Kopf vorzusortieren: Wie viel Mörtel brauche ich? Welche Konsistenz muss er haben? Wie viele Steine sind pro Schicht nötig?
Die überbetriebliche Ausbildung im Bau ABC ergänzte sich sehr gut mit der Berufsschule, die sogar nebenan lag. Die praktischen Übungen folgten direkt auf die theoretischen Grundlagen. Denn neben allgemeinen Fächern wie Deutsch, Mathe und Politik, lernte Max in der Berufsschule das Absichern von Baustellen, das Verlegen von Rohrleitungen und das Wiederherstellen von Oberflächenbefestigungen.
Im Betrieb ging es für Max direkt zur Sache: In Harlesiel half er, eine Deichüberquerung mit Flüssigboden herzustellen. Dazu musste sein Team Spurbahnplatten als Schalung und Einfassung in Beton einsetzen. Nach dieser Erfahrung im Straßenbau wollte er den Kanalbau praktisch kennenlernen und wurde bei der Erschließung eines Baugebiets eingesetzt. Herausfordernd war dabei der Schlickboden, der nicht tragfähig war, sodass die Arbeiter zunächst Holzpfähle in die Trasse drücken und Bewehrungskörbe auslegen mussten, um ein Fundament für die Rohre herzustellen.
Bei einer Baumaßnahme haben wir in fünf Metern Tiefe einen Schacht mit einem Durchmesser von knapp zwei Metern gemauert. Das war ein Highlight der Ausbildung.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
Später begleitete er in Neuharlingersiel eine Großbaumaßnahme „vom ersten Spatenstich bis zum letzten Fahrradbügel“. Hier wurde eine Ortsdurchfahrt erneuert. Auf der Baustelle fielen Arbeiten vom allgemeinen Tiefbau über den Kanalbau bis zum Straßenbau an. Stück für Stück wurden über 1,5 Jahre die alte Straße zurückgebaut, die Rohrgräben ausgehoben, der Kanal verlegt und abschließend die Straße wieder neu gebaut. „Es war schön, die Baumaßnahme von vorne bis hinten zu begleiten. Gerade weil man nach einiger Zeit ein gut eingespieltes Team hat“, zieht Max sein Fazit.
Zum Ende der Ausbildung begleitete der 25-Jährige eine Baumaßnahme auf Norderney. Dabei konnte er beobachten, wie Vorarbeiter und Poliere arbeiten. „Und wenn man im Winter in einem der Top-Hotels schlafen kann, weil die Zimmer in der Zeit sonst frei bleiben, ist das auch eine nette Sache“, lacht er.
Wer sich für die Ausbildung interessiert, darf kein Problem damit haben, dreckig zu werden. Auch sollte man keine Höhen- oder Platzangst haben und Wind und Wetter dürfen einem nichts ausmachen.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
Nach der Ausbildung ging es für Max direkt an die Jade Hochschule in Oldenburg. Ein Studium war von vorneherein der Plan, aber auf der Baustelle merkte er dann zusätzlich, dass er einige Entscheidungen anders getroffen hätte als seine Vorgesetzten. „Da habe ich gemerkt, ich möchte so schnell wie möglich an der Position stehen, so etwas entscheiden zu können“, erzählt Max.
Eine große Hürde stand ihm direkt am Anfang des Bachelorstudiums bevor: der einwöchige Mathe-Aufbaukurs. Gemeinsam mit anderen Studierenden, die durch eine Ausbildung schon länger aus der Schule raus waren, entschied Max, dass eine Auffrischung in Mathematik sicher guttun würde. „Bis zum vierten Semester war dieser Aufbaukurs die größte Herausforderung im Studium“, erinnert sich Max heute.
Nach dem überstandenen Mathe-Kurs ging es für Max in die sieben Semester Bachelorstudium. Zunächst wurde das Basiswissen des Bauingenieurwesens vermittelt: Festigkeitslehre, Baustoffkunde, Baubetrieb, Baurecht. Anschließend stellten sich die Vertiefungsrichtungen vor. In Fächern wie Grundbau, Stahlbau, Siedlungswasserwirtschaft, Wasserbau und Straßenbau konnten die Studierenden einen Blick in die Fachdisziplinen des Bauingenieurwesen werfen. Schnell wurde deutlich: Es ist ein klarer Vorteil, mit abgeschlossener Ausbildung in das Studium zu starten.
Die Ausbildung hat mir im Studium sehr geholfen. Insgesamt sind die Kommiliton*innen, die vorher eine Ausbildung gemacht haben, deutlich besser durch das Studium gekommen, weil sie den direkten Bezug zur Praxis haben.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
Am Ende des vierten Semesters entschied sich Max für die Vertiefung Wasserbau und Umwelttechnik. Mit seinem Vorwissen aus der Ausbildung fielen ihm die Fächer in diesem Bereich nicht nur leichter, auch sein Interesse lag ganz klar in der Fachrichtung. Thematisch ging es um Ver- und Entsorgungsnetze, Kläranlagen, Hydrologie und Hochwasserschutz sowie Küsteningenieurwesen und Regenwasserbewirtschaftung.
An der Hochschule wurden immer wieder auch praktische Elemente eingebunden, um die Studierenden auf das Arbeitsleben vorzubereiten. So gab es im Modul Vermessungskunde eine praktische Übung, in Laborversuchen wurde Abwasser untersucht und in der Baustoffkunde fand ein Betonwettbewerb statt, bei dem die Studierenden eine kleine Betonbrücke herstellen mussten. Im Vertiefungsstudium folgten einige Exkursionen, bei denen die Studierenden die Schleuse in Greetsiel, einige Baustellen und eine Kläranlage besuchten.
Nach dem Bachelorstudium ging es für Max nahtlos weiter mit dem Masterstudium „Management and Engineering“, das er ebenfalls an der Jade Hochschule absolvierte. In drei Semestern lernte Max über den klassischen Ingenieurbau hinaus, denn der Studiengang teilt sich in die beiden Disziplinen Management und Infrastruktur auf.
Im Bereich Management deckten die Module Fächer wie Rechnungswesen und Controlling, Personal und Unternehmensführung, juristisches Projektmanagement, Ausschreibung und Vergabe ab. In der Infrastruktur ging es für Max um Kanalnetze. Er lernte aktuelle Entwicklungen kennen und vertiefte sein Fachwissen in der Regenwasserbewirtschaftung, in der Planung und Netzerkundung. Auch Wasserbau und Spezialtiefbau waren relevante Themen.
Im Master habe ich durch den Management-Bereich einen Blick in übergeordnete Themen gewonnen und gleichzeitig mein Fachwissen in der Infrastruktur spezialisiert.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
In beiden Bereichen gab es ein Projekt, das vor Beginn der Masterarbeit abgeschlossen werden musste. Im Bereich Management schlüpften die Studierenden in die Rolle eines Auftragnehmers und führten eine Kalkulation mit Bauablaufplan durch. Dazu gehörte eine kleine Animation zur Herstellung einer Kai-Anlage an der Nordsee.
Im Bereich Infrastruktur fanden die Studierenden sich in einem Planungsbüro wieder. Die Aufgabe: eine Straße in Oldenburg umplanen und an die aktuell gültigen Regelwerke anpassen. Dazu gehörte eine Befragung der Anwohner*innen. „Das Projekt war sehr spannend, hat aber auch eine Menge Blut, Schweiß und Tränen gekostet“, erzählt Max.
Schon während des Studiums hat Max Praxiserfahrungen gesammelt. Im Bachelorstudium nutzte er die vorlesungsfreie Zeit, um als Kanalbauer und Bohrhelfer in seiner Ausbildungsfirma Geld zu verdienen. Die Praxisphase im Bachelorstudium absolvierte er dann in einem Ingenieurbüro, der IGNW, in dem er während des Masters weiterhin als Werkstudent arbeitete.
Die IGNW übernimmt die Planung für Hochbau- sowie Tiefbauarbeiten und ist mit einem Team von über 360 Mitarbeitenden deutschlandweit unterwegs. Eingestiegen ist Max in der Bauüberwachung. Er ist zu Baustellen gefahren und hat kontrolliert, ob die Maßnahmen vor Ort mit den Planungen übereinstimmen, hat Rechnungsprüfungen und Konfliktbewältigung zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber oder auch anderen Planungsbüros übernommen. Nach der Bachelorarbeit ging es für ihn in die Entwässerungsplanung: Hier plant er Kanalnetze, Versickerungsanlagen und führt deren hydraulische Dimensionierung durch.
Als Werkstudent ist Max auf Baustellen unterwegs. Foto: Dennis Pfeiffer
Aktuell arbeitet Max an einem großen Projekt. Für seine Masterarbeit führt er eine Machbarkeitsstudie für die Entwässerung eines Großbatteriespeichers durch. Dafür muss er ein echtes Rätsel lösen: Das sechs Hektar große Areal des Kunden liegt unmittelbar an einem großen Fluss, hat daher einen hohen Grundwasserstand und eine vergleichsweise geringe Geländehöhe. Dadurch ist Hochwasser ein Risiko. Auf diesem Gebiet soll der Batteriespeicher entstehen und sicher entwässert werden. Max beschäftigt sich mit unterschiedlichen Szenarien und versucht eine Lösung zu finden, die nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich ist.
Im Sommer schließt Max sein Masterstudium ab und wird danach bei der IGNW bleiben. Durch die Praxiserfahrungen im Studium hat er gemerkt, dass die Themen Planung und Bauüberwachung genau das sind, was er machen möchte. An dieser Stelle kommt seine Ausbildung wieder ins Spiel: Denn er weiß er genau, welche kleinen Probleme es in einem Plan geben kann, die auf einer Baustelle zu größeren Problemen führen und die Lebenszeit einer technischen Anlage stark reduzieren können.
Ursprünglich dachte ich, nach dem Studium geht es zurück in die Baufirma. Aber ich habe festgestellt: Planung ist was Schönes, weil man viele mögliche Probleme von vorneherein berücksichtigen und verhindern kann.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
Aus dieser Erfahrung heraus empfiehlt er allen an der Baubranche Interessierten, zuerst eine Ausbildung zu machen. „Die Ausbildung ist in meiner Entwicklung ein ganz wichtiger Schritt“, erklärt Max. Und in einer Ausbildung könne jede*r schnell feststellen, ob der Bereich das Richtige ist. Für die Branche selbst hat Max nur positive Worte: Sicherheit, spannende Aufgaben, Perspektive. In der Branche warten viel Arbeit und die Gelegenheit, wirklich etwas zu bewegen.
Wer einen zukunftssicheren Beruf sucht, etwas bewegen oder verändern möchte, der oder die ist in der Baubranche richtig. Auch wenn sie vielleicht eingefahren wirkt, ist sie meiner Meinung nach mit der beste Ort, an dem man etwas bewirken kann.
Max Aeils
Bauingenieurwesen-Student
Short Facts
Abschluss: Bachelor of Engineering (B. Eng.)
Studienbeginn: Wintersemester oder Sommersemester
Regelstudienzeit: 7 Semester
Studienform: Vollzeit
Studienstandort: Oldenburg
Voraussetzung: 12 Wochen Zugangspraktikum, davon min. 6 Wochen vor Immatrikulation
Zulassungsbeschränkung: Ja (Numerus Clausus)
Bei Fragen zum Studiengang
Fachbereich Bauingenieurwesen
bauingenieurwesen@jade-hs.de