Am Anfang standen andere Ideen für den beruflichen Werdegang, doch dann wird Marie-Luise auf die Energiewirtschaft aufmerksam. Heute verfolgt sie den Berufsweg mit großem Elan und Engagement. Nach dualem Bachelorstudium, einem ersten Job in der TGA-Planung, dem Wechsel ins Projektmanagement der Energiebranche und einem Masterstudium folgt nun ein weiteres Studium. Zugleich ist Marie-Luise im Jungen DVGW aktiv und begeistert junge Menschen für eine Karriere in der Branche.
Wie wird eine neue Energieinfrastruktur geplant? Was muss beachtet werden, um ein Gebäude energetisch zu sanieren? Welche Voraussetzungen müssen beim Bau einer Leitung erfüllt werden? Diese und viele weitere Fragen kann Marie-Luise Stadler beantworten. Im Studium Energie- und Gebäudetechnik sowie Renewable Energy Systems und bei verschiedenen Stationen im Berufsleben hat sie viel gelernt und ihr Wissen kontinuierlich erweitert.
Ursprünglich wollte Marie-Luise Zahnärztin werden. Während ihrer Schulzeit war der NC für dieses Studium jedoch sehr hoch, also musste ein Plan B her. In einem Schulprojekt stellte sie fest, dass ihr Projektmanagement und Organisation liegen und bewarb sich für passende duale Studiengänge, vor allem im Bereich BWL.
Bei einem ihrer Bewerbungsgespräche kam die Wende, denn hier wurde Marie-Luise gefragt, ob sie schon einmal über einen technischen Studiengang nachgedacht hat. „Anhand meiner Schulfächer, den Ergebnissen der Bewerbungstests und meinen Erzählungen im Gespräch konnten sich die Gesprächspartner*innen dies gut bei mir vorstellen“, erzählt die heute 27-Jährige.
Diese Nachfrage brachte Marie-Luise ins Grübeln und sie ging erneut in die Recherche. Dabei entdeckte sie eine Stellenausschreibung vom Staatlichen Bauamt in Ingolstadt, das ein duales Studium der Energie- und Gebäudetechnik anbot. „Ich habe mich eingelesen und fand das Thema Energie von Anfang an total spannend“, verrät sie und bewarb sich.
Nach der Recherche zum Studienbereich Energie- und Gebäudetechnik war ich Feuer und Flamme und dachte mir: Vergiss Plan A, das ist der neue Plan!
Marie-Luise Stadler
Projektmanagerin im Bereich Energy & Natural Resources
Das duale Studium absolvierte Marie-Luise in dreieinhalb Jahren. Sie studierte dabei den regulären Studiengang Energie- und Gebäudetechnik an der Hochschule München. In der vorlesungsfreien Zeit arbeitete sie beim Staatlichen Bauamt in Ingolstadt. Hier unterstützte sie bei der Bearbeitung von Formblättern und Honorarabrechnungen, beim Prüfen von Fachplanungen und dem Erstellen von Ingenieurberechnungen. Außerdem half sie bei der Prüfung von Leistungsverzeichnissen und Rechnungen mit.
Besonders spannend waren für sie die unterschiedlichen Gebäude. „In unserer Region haben wir viele Militäranlagen, vieles ist denkmalgeschützt, dazu kommen einige moderne Gebäude wie zum Beispiel rund um die Technische Hochschule Ingolstadt.“ Diese haben ganz unterschiedliche Anforderungen an die Technik, sodass der Arbeitsalltag abwechslungsreich blieb.
Schon im Bachelorstudium merkte Marie-Luise, dass ihr besonders die Gasversorgung gefällt. Aber auch Module zu Krankenhaustechnik und nachhaltigem Bauen standen auf ihrer Interessensliste. So kam es, dass die 27-Jährige mehr Wahlmodule belegte, als sie musste: „Ich dachte mir, im Endeffekt hole ich mir dabei kostenloses Wissen ab.“
Alle Infos über das Studium, die Aufgaben, Voraussetzungen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten findest du im Steckbrief zum dualen Studium Energie- und Gebäudetechnik.
Durch ihren damaligen Professor Wolfgang Wieser kam Marie-Luise zum ersten Mal mit dem DVGW in Kontakt. Er animierte sie zu einem Studierendenprogramm, welches die Teilnahme an der gat|wat, einer bedeutenden Branchenmesse im Gas- und Wasserfach, sponserte. Hier lernte sie den Wasserstoff kennen, der später das Thema ihrer Bachelorarbeit sein sollte – und noch etwas anderes:
„Bei der gat|wat wurden die DVGW-Hochschulgruppen vorgestellt, ein neues Projekt des Vereins. Gemeinsam mit zwei Kommilitoninnen habe ich dann die Hochschulgruppe in München gegründet.“ Damit waren sie unter den ersten zehn neu gegründeten DVGW-Hochschulgruppen. Inzwischen hat sich die Hochschulgruppe INGenium zur größten Hochschulgruppe Deutschlands entwickelt.
Die DVGW-Hochschulgruppe München auf der gat|wat 2022. Foto: HSG INGenium München
Nach ihrem Bachelorstudium war Marie-Luise unsicher, wie ihr Karriereweg weitergehen soll. Deshalb machte sie zunächst ein sechsmonatiges Praktikum im Bereich nachhaltiges Bauen. Weiter ging es in das mittelständische Ingenieurbüro „ibf Ingenieure“ in München, zuständig für die Planung im Gebiet SHK. Hier übernahm sie früh die Modellverantwortung für eigene Projekte und machte ihre ersten Schritte im Projektmanagement.
Nach etwa zwei Jahren im Ingenieurbüro wechselte Marie-Luise zu Turner & Townsend, ihrem heutigen Arbeitgeber. Die Firma ist auf Projekt- und Kostenmanagement im Bauwesen spezialisiert. Die 27-Jährige startete als Projektmanagerin in der Abteilung Commercial and Retail, wo sie viel im Hochbau tätig war.
Marie-Luise an ihrem Arbeitsplatz bei Turner & Townsend in München. Foto: privat
„Mit meinem Energiehintergrund war ich im Projektmanagement eher exotisch. Die meisten Kolleg*innen haben einen architektonischen Hintergrund oder kamen aus dem Bauingenieurwesen“, erzählt Marie-Luise. Was aber nicht schlecht war, denn so konnte sie in Projekten der Technischen Gebäudeausrüstung oder Infrastrukturplanung fachkundigen Input liefern.
Nach etwa einem Jahr in der Firma entschied Marie-Luise sich, einen Masterstudiengang zu beginnen. Für sie war immer klar, dass sie den Master noch machen will, nur das Studiengangsangebot hatte ihr noch nicht zugesagt. Für die nächsten zwei Jahre reduzierte sie also ihre Arbeitszeit auf 50 % und studierte in Vollzeit Renewable Energy Systems an der Technischen Hochschule in Ingolstadt.
Ich habe mich dafür entschieden, während des Masterstudiums weiterzuarbeiten, weil ich den Bezug zur Praxis nicht verlieren wollte.
Marie-Luise Stadler
Projektmanagerin im Bereich Energy & Natural Resources
„Ich habe mir den Modulplan des Studiengangs angeschaut und die Themen haben mich direkt abgeholt“, erzählt Marie-Luise. Gut gefallen hat ihr, dass es nur wenige theoretische Prüfungen gab. Der Großteil bestand aus Projektarbeiten in Gruppen. Reale Projekte wurden parallel an der Hochschule bearbeitet und zum Teil sogar vom Institut für Erneuerbare Energien (INES) betreut.
In den Praxisprojekten haben Marie-Luise und ihre Kommiliton*innen zum Beispiel ein Einfamilienhaus in Brüssel geplant und die Wärme- und Kälteversorgung simuliert. Im nächsten Projekt sollte die Gruppe ein komplettes Energiekonzept für einen Campus erstellen: mit Biogasanlage, PV-Anlage und Blockheizkraftwerk.
Ein spannendes Projekt umfasste die Planung eines Energy Hubs in einem Slum in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik. Hier ist die Stromversorgung sehr instabil, deshalb sollten die Studierenden eine Station gestalten, wo die Anwohner*innen ihr Handy laden oder Getränke kühlen können. Es ging auch darum, die verschiedenen Optionen (PV, Wind, Energiespeicher) durchzuspielen, die Genehmigungen im Blick zu behalten und Speicher sowie Abschaltregelungen zu beachten. „Dabei wurde mir auch bewusst, was für einen Mehrwert wir in Deutschland durch eine stabile Stromversorgung haben.“
Marie-Luise bei der Abschlussfeier ihres Masterstudiums. Foto: privat
Nach dem Masterstudium stockte Marie-Luise ihre Stunden bei Turner & Townsend wieder auf und wechselte die Abteilung. Nun ist sie im Bereich Energy & Natural Resources tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit Energiethemen.
Bei einem Projekt betreute sie gemeinsam mit Kolleg*innen die Energie- und Infrastrukturversorgung des SuedOstLink der Firma Tennet, eine Gleichstrom-Erdkabelleitung zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Bayern. Für Marie-Luise war die Art der Baustelle eine Umstellung: Im Hochbau spricht man von Punktbaustellen, während der Leitungsbau sich über ein langgezogenes Gebiet zieht – eine Linienbaustelle. „Es ist zwar immer noch ein Bauprojekt, aber die Herausforderungen sind ganz andere.“
Ihr aktuelles Projekt ist der Bau des KI-Campus „IPAI“ in Heilbronn. Als Projektmanagerin ist Marie-Luise hier für die Planung im ersten Bauabschnitt zuständig, was auch Mobilität und Verkehr umfasst. Verglichen mit dem SuedOstLink sind die Dimensionen wieder ganz andere, auch wenn der KI-Campus um die zwei Hektar umfasst und damit immer noch ein großes Projekt ist.
Marie-Luise auf einer Baustelle in München. Foto: privat
Das Thema Energie beschäftigt Marie-Luise, weshalb sie dieses Jahr ein weiteres Masterstudium begonnen hat: Wasserstofftechnologie und -wirtschaft an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Der Studiengang ist noch ganz neu und wird komplett remote angeboten – was ein großer Vorteil ist, denn Marie-Luise arbeitet in Vollzeit weiter und kann sich die Vorlesungen ansehen, wenn sie Zeit dafür hat.
Dementsprechend wird sie auch länger für das Studium brauchen: „Ich mache mir da keinen Stress. Denn ich mache das für mich, weil ich mein Wissen erweitern möchte und dieses auch gut im Job einbringen kann.“ Die Module des Studiengangs decken alles ab, was für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur wichtig ist: Erzeugung, Speicherung, Transport, Sicherheit, Werkstoffkunde.
Studiengänge im Bereich Wasserstoff sind vielseitig aufgebaut und lehren die technologische Vielfalt entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Gewinnung bis hin zur Nutzung. Hier geht’s zu den Studiengängen im Bereich Wasserstoff.
Durch die gat|wat und ihr Engagement für die Hochschulgruppe kam Marie-Luise schon früh im Bachelorstudium zum ersten Mal mit dem DVGW in Kontakt. „Für mich ist der DVGW eine riesengroße Freundschaftsblase“, erzählt sie. Hier lernt sie andere (junge) Menschen aus der Branche kennen, kann sich austauschen und von ihnen lernen.
Im Jungen DVGW leitet sie außerdem die Stabsstelle für Hochschul- und Berufsschulgruppen. Hier agiert sie als Schnittstelle zwischen den Hochschulgruppen und der Nachwuchsförderung. Als Alumni kann sie den einen oder anderen Tipp geben, da sie selbst die Erfahrungen in ihrer Hochschulgruppe gesammelt hat.
Der DVGW bietet ein riesiges Netzwerk und ein gelebtes Netzwerk ist immer ein Vorteil. Hier kann man Ideen entwickeln, sich bei Problemen austauschen und hat immer eine Ansprechperson im Hinterkopf.
Marie-Luise Stadler
Projektmanagerin im Bereich Energy & Natural Resources
Der Junge DVGW ist die Nachwuchsorganisation des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW) und bietet Angebote für alle Nachwuchs- und Fachkräfte in der Branche unter 36 Jahren. Mitglieder werden in der Ausbildung, beim Studium, während des Berufseinstiegs und in ihrer Karriereentwicklung unterstützt.