Zukunft bauen – Nachwuchsgewinnung im Ausland

Wie lässt sich der Fachkräftemangel konkret angehen? Einen Weg zeigen Heinz Rittmann von den Bauverbänden NRW und Dr. Bernd Garstka, Geschäftsführer des Berufsförderungswerks der Bauindustrie NRW auf. In dieser Folge sprechen wir mit den beiden über konkrete Erfahrungen, strukturelle Erfolgsfaktoren und die Frage, warum Nachwuchsgewinnung im Ausland eine Zukunftsstrategie ist.

Unsere Gäste in dieser Folge

Dr. Bernd Garstka ist seit 2003 Geschäftsführer beim Berufsförderungswerk (BFW) der Bauindustrie NRW gGmbH. Nach dem Bauingenieur-Studium und der Promotion im Sonderforschungsbereich Tragwerksdynamik war er mehrere Jahre Projektleiter für diverse Großprojekte im In- und Ausland bei der HOCHTIEF AG, bevor er 1997 beim BFW zunächst als stellvertretender Geschäftsführer anfing. Mit seinen überbetrieblichen Ausbildungszentren in Hamm, Kerpen und Oberhausen unterstützt das Berufsförderungswerk die nordrhein-westfälischen Bauunternehmen bei der Ausbildung qualifizierter Mitarbeitender.

Heinz G. Rittmann ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Auslandsbau-Verbandes e. V. (DABV). Nach dem Studium (Bauingenieurwesen und BWL) begann er seine berufliche Laufbahn in einem mittelständischen Unternehmen der Bauzulieferindustrie und war anschließend als Referent für Betriebswirtschaft und Informatik beim Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) tätig. Sein beruflicher Fokus liegt auf zukunftsweisenden Themen wie z. B. internationale Märkte und Fachkräftegewinnung.

Fachkräftemangel trifft auf globales Potenzial

In Deutschland fehlen Nachwuchskräfte und das längst nicht mehr nur in der Pflege oder IT. Auch die Bauwirtschaft ist betroffen: „Wir sind einfach zu wenig in Deutschland“, bringt es Heinz Rittmann auf den Punkt. Der demografische Wandel hinterlässt spürbare Lücken, während gleichzeitig viele europäische Nachbarländer ähnliche Probleme haben. Deshalb richtet sich der Blick nach Afrika, wo das Gegenteil der Fall ist: ein hohes Bevölkerungswachstum, viele junge, ausbildungsinteressierte Menschen bei kaum beruflichen Perspektiven.

Das Berufsförderungswerk der Bauindustrie und die Bauverbände NRW haben dafür zwei unterschiedliche, aber erfolgreiche Modelle entwickelt: Das Berufsförderungswerk kooperiert mit Sprachschulen in Kamerun, um vor Ort auf Ausbildungsoptionen aufmerksam zu machen. Dem gegenüber steht der Poolansatz der Bauverbände NRW, die deutschsprachige Azubis aus Äthiopien und Mosambik ansprechen. Ausbildungsinteressierte können an verschiedenen Workshops teilnehmen, um sich auf das Leben und Arbeiten in Deutschland vorzubereiten. Beide Ansätze zeigen: Auszubildende im Ausland zu gewinnen, ist keine Notlösung – sondern eine aktive Zukunftsstrategie.

Verantwortung, Vorbereitung und Vertrauen: So gelingt Integration

Was beide Modelle verbindet, ist ein hohes Maß an Vorbereitung und gegenseitigem Vertrauen. Die angehenden Auszubildenden lernen die deutsche Sprache bis zum Niveau B1, durchlaufen Workshops zu kulturellen Unterschieden und zum deutschen Ausbildungsalltag. Und sie investieren viel: Zwischen 2.500 und 3.000 Euro zahlen die Kandidat*innen vorab – für Sprachkurse, Prüfungen, Visa und Flugtickets.

In Deutschland angekommen, werden sie nicht allein gelassen. Das Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Kerpen bietet für die ersten zwei Jahre Wohnraum, persönliche Begleitung und Unterstützung im Alltag. Behördengänge, Arztbesuche, gemeinsames Einkaufen: Viele Dinge, die für Menschen ohne soziale Netzwerke kaum zu bewältigen wären, werden hier aufgefangen.

Die Integration ist dabei nicht nur sozial, sondern auch emotional spürbar: „Es hat sich sogar eine Hochzeit ergeben, ein Kind ist mittlerweile da – unsere Mitarbeiterin ist Patentante geworden“, berichtet Dr. Bernd Garstka über die gelebte Nähe und Verantwortung.

Der Wille der Auszubildenden, sich zu integrieren, und die Arbeitsmotivation sind außerordentlich hoch. 

Dr. Bernd Garstka
Geschäftsführer beim Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW

Wirtschaftlicher Mehrwert mit menschlicher Tiefe

Die Unternehmen, die an diesen Projekten teilnehmen, sind begeistert. Kein einziger Ausbildungsabbruch seitens der Unternehmen oder der Azubis – eine beeindruckende Quote, die unterstreicht, dass dieser Weg mehr als tragfähig ist. Die Betriebe beginnen bereits, sich eigenständig an die Verbände zu wenden. Viele melden ihren Bedarf frühzeitig, andere vermitteln untereinander weiter. Was einst ein mühsames Projekt war, wird zunehmend zum Selbstläufer.

Der gesellschaftliche Effekt ist dabei nicht zu unterschätzen: „Das ist eine Win-Win-Situation. Wir holen qualifizierte, hochmotivierte Menschen ins Land und bieten ihnen eine echte Zukunftsperspektive“, fasst Bernd Garstka zusammen. Zugleich betont er die Verantwortung, auch weiterhin Ausbildungschancen für deutsche Jugendliche zu schaffen. Der Schlüssel liegt in der Balance – und darin, zu verstehen: Integration ist mehr als Arbeitsmarktpolitik. Sie ist ein System, das auf Respekt, Engagement und echter Zusammenarbeit basiert.

Inzwischen wird das Modell zu einem Selbstläufer. Wir haben noch nicht mal rumgeschrieben und haben schon zahlreiche Anfragen erhalten.

Heinz G. Rittmann
Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW

Andere Podcast-Episoden