Dual studieren – das war für Vivian Hasch die einzige Option, überhaupt ein Studium aufzunehmen. Denn sie wollte schnell Geld verdienen und sich selbst finanzieren. Nach einem anstrengenden Weg fühlt sie sich im Bauingenieurwesen mit der Vertiefung Wasserwirtschaft inzwischen sehr wohl und genießt die praktischen Elemente sowie die Vielseitigkeit des Studiengangs.
Wie konstruiert man ein Gebäude? Was muss bei der Verkehrsplanung beachtet werden? Und was hat das eigentlich mit Umwelt zu tun? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die Studierenden im Bauingenieurwesen. Eine von ihnen ist Vivian Hasch, die dual an der TH Köln studiert.
Für Vivian war schon früh klar, dass sie nur dual studieren möchte. Beim Fach war sie jedoch lange unentschieden. Mit einem Sportabitur bringt sie nicht die typischen Voraussetzungen für einen naturwissenschaftlichen oder technischen Studiengang mit. Aber durch ihre handwerklichen Vorerfahrungen im privaten Bereich wusste sie, dass diese Richtung sie interessiert. Also recherchierte die heute 24-Jährige, welche Studiengänge im Baubereich in Frage kommen könnten. Letztendlich entschied sie sich für Bauingenieurwesen.
Ich habe schon als Kind mitgeholfen, Sachen zu reparieren und wir haben das Haus selbst angebaut. Da wusste ich schon, das ist eine Richtung, die mich interessiert.
Vivian Hasch
duale Studentin Bauingenieurwesen
Es folgte die anstrengende Suche nach einem Praxispartner. Denn durch die im Abitur belegten Fächer oder eher die nicht belegten Fächer Mathe und Technik, bekam Vivian viele Absagen. Unter den Ausschreibungen fand sie jedoch einige Tiefbauunternehmen, die nicht auf Einstellungstests, sondern den persönlichen Hintergrund achteten.
Nach mehreren Bewerbungsgesprächen entschied Vivian sich nach Sympathie, und zwar für die Leitungs- und Tiefbaugesellschaft mbH & Co. KG aus Neuss. Das Unternehmen bietet Rohrleitungs- und Tiefbaumaßnahmen an und arbeitet eng mit Stadtwerken zusammen. Aufgaben sind die Instandsetzung von Leitungen oder Verbindungen sowie Neubaumaßnahmen. Mit dem Praxispartner war dann auch der Platz an der Hochschule sicher und das Studium konnte beginnen.
Das duale Studium Bauingenieurwesen an der TH Köln ist zwei Semester länger als das reguläre Vollzeitstudium. Die Inhalte der ersten beiden Semester sind auf vier Semester gestreckt und die dual Studierenden absolvieren parallel zum theoretischen Unterricht an der Hochschule die praktische Ausbildung in ihrem gewählten Ausbildungsberuf.
In den ersten vier Semestern hat Vivian zwei bis drei Tage pro Woche an der Hochschule verbracht, an den anderen Tagen lernte sie im überbetrieblichen Ausbildungszentrum die Grundlagen für ihre Ausbildung zur Rohrleitungsbauerin. Die vorlesungsfreie Zeit verbrachte sie zusätzlich im Betrieb. Berufsschulunterricht gab es für dual Studierende nicht, Vivian hat für die Prüfungen mit Leitfäden und Prüfungsunterlagen aus vorherigen Jahrgängen gelernt.
Ab dem fünften Semester (im Vollzeitstudium ist dies das 3. Semester) studieren die dualen zusammen mit den Vollzeit-Studierenden. Nach sechs bzw. vier Semestern Grundstudium entscheiden sich die Studierenden im Hauptstudium für ihre Vertiefungsrichtung: Baubetrieb, Geotechnik, Konstruktiver Ingenieurbau, Verkehrswesen oder Wasserwirtschaft.
Alle Infos über das Studium, die Aufgaben, Voraussetzungen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten findest du im Steckbrief zum dualen Studium Bauingenieurwesen.
Die Ausbildung zur Rohrleitungsbauerin stand für Vivian am Anfang des dualen Studiums. Zu Beginn verbrachte die heute 24-Jährige die meiste Zeit im überbetrieblichen Ausbildungszentrum, später war sie bei praktischen Einsätzen im Partnerbetrieb dabei. Als Erstes mussten jedoch die Grundlagen vermittelt werden.
Im ersten Lehrjahr lag der Schwerpunkt auf dem Bereich Wasser. Vivian lernte, wie eine Rohrleitung zusammengebaut wird, welche Verbindungsarten es gibt und welche Werkstoffe für welchen Zweck eingesetzt werden. Zudem standen die Ummantelung und Innenverbindungen auf dem Programm. Das zweite Lehrjahr setzte den Fokus auf den Gasbereich: Gasleitungen trennen und absperren. „Das nennt sich Blasen setzen. Das Thema ist sicherheitsrelevant und in der Prüfung fallen bei der Aufgabe viele Azubis durch“, erzählt Vivian.
Auch im Gasbereich ging es um die verschiedenen Leitungs- und Verbindungsarten. Dazu kamen Vermessungsarbeiten, Arbeitsvorbereitung und einige Scheine wie einen Grundkurs zum PE-Schweißen für Rohre und Rohrleitungsteile und ein Grundkurs zum Umgang mit Nachumhüllungsarbeiten. Vivian konnte diese Scheine nach Vorgaben des DVGW direkt im Ausbildungszentrum machen.
Im Ausbildungszentrum lernt Vivian die Grundlagen des Rohrleitungsbaus kennen. Foto: Georg Salzburg
Im Ausbildungszentrum verbrachte Vivian während der ersten zwei Jahre zwei bis drei Tage pro Woche. Manchmal war sie die einzige Lernende, weil die Auszubildenden einen anderen Rhythmus haben als die dual Studierenden und in ihrem Jahrgang war Vivian die einzige Rohrleitungsbauerin. Schnell wurde deutlich, dass Arbeitgeber und Ausbilder viel von ihr erwarteten: „Der Anspruch war so, dass ich als dual Studierende alles schnell können und besser sein muss als die anderen. Dabei sind ein Studium und handwerkliches Geschick zwei verschiedene Paar Schuhe.“
Als dual Studierende war ich in einer Vorbildfunktion. Es wurde vorausgesetzt, dass ich alles schnell lerne und besser bin als die anderen.
Vivian Hasch
duale Studentin Bauingenieurwesen
Für Vivian war dieser Druck nicht leicht wegzustecken. Denn gerade am Anfang merkte sie, es läuft nicht alles rund. Sie fühlte sich zu klein, zu schwach, um die teils kräftezehrenden Aufgaben zu bewältigen. „Die ersten zwei Jahre waren sehr schwierig für mich. Ich wusste, ich habe eine Zwischenprüfung, eine Abschlussprüfung und dachte: Wie soll ich das schaffen, wie soll ich in dieser Zeit fertig werden?“
Es gab Momente, in denen habe ich mich gefragt, warum ich mir das angetan habe und wieso ich weitermache. Es war einfach anstrengend.
Vivian Hasch
duale Studentin Bauingenieurwesen
Aufgeben war für Vivian jedoch keine Option, unter anderem weil sie den Studienplatz verloren hätte, wenn sie die Ausbildung abbricht. Sie wollte sich durchbeißen und sprach mit ihren Meistern vor Ort. Die Unterstützung war groß, weil ihre Vorgesetzten merkten, dass Vivian es schaffen wollte. Der Zuspruch half der Studentin, weiterzumachen: „Ich habe für viele Sachen länger gebraucht, aber in der Prüfung habe ich es dann doch geschafft.“
Alle Infos über den Beruf, die Aufgaben, Voraussetzungen, Gehalt und Weiterbildungsmöglichkeiten findest du im Steckbrief zur Ausbildung als Rohrleitungsbauer.
Im Studium geht es ganz klassisch mit den Grundlagen los. An der TH Köln hat Vivian in den ersten vier Semestern von Mechanik bis Mathe alles gelernt. Bauphysik war ein Thema, ebenso wie das Schnuppern in die Vertiefungsrichtungen. In der Konstruktionslehre gab es beispielsweise bereits ein kleines Planungsprojekt: Von Straßen bis zu Kanälen mit den Gefällen wurde in dem Projekt alles abgehakt.
Ab dem siebten Semester (bzw. fünften im Vollzeitstudium) gingen die Studierenden intensiver in ihre Vertiefungsrichtung rein. Vivian hat sich für die Wasserwirtschaft entschieden, viele Kurse laufen aber parallel mit dem Bereich der Geotechnik.
Das Studium besteht aus einer Mischung aus Theorie und Praxis. Insbesondere die sogenannten Projekte gefallen Vivian gut. Dabei werden in Kleingruppen Aufgaben praktisch bearbeitet. In einem Projekt haben die Studierenden mithilfe digitaler Programme die Renaturierung eines Bachs geplant und Hochwasser-Gefahrenkarten erstellt. In einem Modul mussten sie mehrere Versuche im Labor machen.
Mir machen die praktischen Aufgaben mehr Spaß als die Theorie. Das Studium wird dadurch noch abwechslungsreicher, auch wenn es ohnehin schon sehr viele unterschiedliche Bereiche gibt und man nicht jeden Tag dasselbe lernt.
Vivian Hasch
duale Studentin Bauingenieurwesen
Zusätzlich gibt es gerade in der Vertiefung Wasserwirtschaft einige Exkursionen. So können die Studierenden mal eine Talsperre besichtigen, mal einen Düker. Diese Angebote entstehen aus den Kontakten der Professor*innen heraus. Die Erfahrung der Dozierenden beschreibt Vivian ohnehin als großen Vorteil. Inzwischen denkt Vivian langsam über ihre Bachelorarbeit nach. „Noch ist nichts final, aber ich könnte mir gut vorstellen, in Richtung Rohrhydraulik und Netzberechnung zu gehen.“
Im Labor für Wasser und Umwelt an der TH Köln lernt Vivian die Studieninhalte auch praktisch kennen. Foto: privat
Vivian bereut ihre Entscheidung für das duale Studium nicht. Ihr ist es wichtig, als Ingenieurin die Arbeit auf der Baustelle zu kennen. Ihre Empfehlung ist ganz klar, in so einem praktischen Bereich nicht nur ein theoretisches Studium mitzubringen. Ob das jedoch nacheinander oder zusammen absolviert wird, muss jeder für sich selbst entscheiden.
„Man muss sich bewusst sein, dass die ersten drei Jahre Studium mit der Ausbildung kein Spaß sind, sondern viel Arbeit. Ich habe Urlaub hauptsächlich zum Lernen genommen“, erzählt sie. Wer also mit 17 oder 18 Jahren frisch aus dem Abi kommt, soll sich ihrer Meinung nach ruhig die Zeit nehmen, erst die Ausbildung zu machen und das Studium im Anschluss zu absolvieren.
Die Arbeit beim Praxispartner hat sich für Vivian durch die abgeschlossene Ausbildung deutlich verändert. Während der Ausbildung war sie in einer Zweier- oder Dreierkolonne auf den Baustellen unterwegs. „Das fand ich viel interessanter als die Übungsaufgaben in der Ausbildungswerkstatt, weil ich mich jeden Tag auf eine andere Situation einstellen musste.“ Im Tagesgeschäft gibt es eben unvorhergesehene Probleme, die man vor Ort lösen muss.
Inzwischen ist sie kein Azubi mehr, dadurch hat sich auch der Umgang unter den Kolleg*innen verändert. „Jetzt wird mir gesagt: Du bist doch ausgelernt, das musst du jetzt können. Das fand ich persönlich sehr schön, weil ich gemerkt habe, dass ich jetzt viel mehr selbst nachdenke.“ Solange sie noch studiert, unterstützt Vivian im Bereitschaftsdienst, um weiter praktische Erfahrungen zu sammeln. In ihrer regulären Arbeit geht es jetzt nämlich mehr ins Büro. Als duale Studentin soll sie dort Kolleg*innen ersetzen, die bald in Rente gehen.
Aktuell durchläuft Vivian verschiedene Stationen, um alle Aufgabenbereiche zu sehen. Geplant ist, dass sie später die Bauleitung Rohrleitungsbau übernimmt. Das heißt, sie wird dafür zuständig sein, die Baustellen zu koordinieren, Termine mit den Stadtwerken zu vereinbaren und die Abrechnungen zu erstellen.
Im Unternehmen fühlt Vivian sich sehr wohl und möchte gerne nach dem Studienabschluss weiter dort arbeiten. „Ich mache die Ausbildung und das Studium nicht, um nachher zu gehen, sondern um dazubleiben. Aktuell bin ich sehr glücklich, wie alles läuft. Das Unternehmen ist sehr familiär, weil es nicht so riesig ist. Das gefällt mir gut.“
Über ihr Engagement in der Fachschaft an der Hochschule, wird Vivians Kontakt zum DVGW enger. Der technisch-wissenschaftliche Verein war ihr in der Ausbildung bereits über seine Regelwerke begegnet. Dann kam in der Fachschaft die Idee auf, die ehemalige DVGW-Hochschulgruppe zu reaktivieren. Für Vivian eine klare Sache: „Wir machen das.“
Die Unterstützung durch den DVGW war sehr groß und so wurde die Hochschulgruppe kINGfisher reaktiviert. Allerdings beschreibt Vivian es als mühsam, Teilnehmende zu gewinnen: „Es ist schwierig, Leute zu überzeugen, mitzumachen. Im Bauingenieurwesen kennen die meisten den DVGW nicht, außer sie sind im Rohrleitungsbau unterwegs. Die Motivation, sich zu engagieren, ist gering.“
Ich persönlich finde die Hochschulgruppe eine gute Sache. Ich kann zu Veranstaltungen und Exkursionen gehen und lerne andere Menschen aus der Branche kennen.
Vivian Hasch
duale Studentin Bauingenieurwesen
Vivian selbst sieht viele Vorteile in der Mitgliedschaft. Durch ein Budget vom DVGW kann die Hochschulgruppe an Fachveranstaltungen teilnehmen oder Exkursionen finanzieren. Durch die Hochschulgruppe ist die 24-Jährige nun auch bei der DVGW-Bezirksgruppe aktiv und Mitglied im Jungen DVGW. „Aktuell bin ich da eher passiv dabei, ich habe die Zeit einfach nicht. Nach dem Studium werde ich meine Aktivitäten dort aber intensivieren, da ich dann nicht mehr in der Hochschulgruppe tätig bin“, erzählt Vivian.
Ihre klare Empfehlung für den Jungen DVGW ist das Netzwerk. Sie lernt dort Menschen aus ganz Deutschland und unterschiedlichsten Unternehmen kennen. „Vitamin B ist so wichtig und das wissen die meisten Leute gar nicht. Aber das kann so hilfreich sein, wenn man jemanden kennt – sei es bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder bei einer fachlichen Frage.“
Der Junge DVGW ist die Nachwuchsorganisation des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW) und bietet Angebote für alle Nachwuchs- und Fachkräfte in der Branche unter 36 Jahren. Mitglieder werden in der Ausbildung, beim Studium, während des Berufseinstiegs und in ihrer Karriereentwicklung unterstützt.