Ob Gas, Wasser oder Fernwärme – Vincent Schneider kennt die Leitungsnetze von der Pike auf. Nach 20 Jahren in der Branche blickt der 36-jährige Netzmeister auf einen beeindruckenden Karriereweg zurück. Angefangen als Anlagenmechaniker für Rohrsystemtechnik koordiniert er heute als Projektleiter bei der RheinNetz GmbH komplexe Baumaßnahmen in Köln und setzt sich ehrenamtlich für die Nachwuchssicherung der Branche ein.
Wenn Vincent durch die Straßen von Köln geht, sieht er mehr als nur Asphalt. Er sieht das unsichtbare Netz, das die Großstadt am Laufen hält. „Das ist eine Berufskrankheit: Ich kann an keinem Bauloch vorbeigehen, ohne reinzugucken“, schmunzelt er. Seit 2022 ist er bei der RheinEnergie tätig. Sein Weg dorthin führte ihn von der praktischen Arbeit im Rohrgraben bis zur administrativen Verantwortung im Projektmanagement durch alle Facetten der Branche.
Alles begann vor 20 Jahren mit einer klassischen Zeitungsanzeige der Regionalgas Euskirchen (heute e-regio). Vincent erinnert sich noch gut an den Bewerbungsprozess: „Das war die einzige Bewerbung, bei der ich mir wirklich Mühe gegeben habe und es hat funktioniert.“ Ohne Vorwissen gestartet, faszinierte ihn die Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Rohrsystemtechnik schnell.
Die Ausbildung war geprägt von einem guten Mix aus Theorie und Praxis. Im ersten Lehrjahr standen die Metallgrundlagen in der Lehrwerkstatt an, im zweiten folgte das Schweißen. Besonders die Vielseitigkeit des Elements Wasser begeisterte Vincent schnell: „Wasser ist das Lebensmittel Nummer 1 und der Zusammenhang zwischen den chemischen, physikalischen und biologischen Eigenschaften ist echt spannend“, erklärt er.
Wie kann ich Anlagenmechaniker*in für Rohrsystemtechnik werden? Was verdient man in dem Beruf und wie sind die Karrieremörglichkeiten? Mehr dazu erfährst du im Berufe-Steckbrief zur Ausbildung als Anlagenmechaniker für Rohrsystemtechnik.
Wer sich für die Ausbildung interessiert, sollte wetterfest sein und keine Angst vor Dreck haben, weil man viel im Rohrgraben arbeitet. Vincents wichtigster Tipp für die Berufsorientierung ist aber: „Man muss nicht gut in der Schule sein. Man muss aber wissen, wofür die Schule da ist und das Gelernte anwenden können.“
Die Ausbildung empfehle ich allen, die sowohl körperlich arbeiten als auch den Kopf einsetzen möchten.
Vincent Schneider
Projektleiter bei der RheinNetz GmbH
Nach der Ausbildung ergab sich im Jahr 2013 die Chance, zum Stadtbetrieb Bornheim zu gehen. Dort startete Vincent direkt im Meisterbüro. „Es kam die Anfrage vom Chef, dass ein Netzmeister gesucht wird, und ich habe keine Sekunde gezögert.“ Zunächst begleitete Vincent den aktuellen Meister bei jedem Schritt und startete dann die Weiterbildung.
Zwei Jahre lang ging es jeden Freitag und Samstag in die Schule. Neben dem vom Betrieb finanzierten Netzmeister Wasser, absolvierte Vincent zusätzlich auf eigene Kosten die Weiterbildung im Gasbereich. „Den Meister zu machen, war der logische nächste Karriereschritt. Und wenn ich schon dabei bin, wollte ich direkt beide Bereiche abdecken, um Synergien nutzen zu können“, erklärt der 36-Jährige.
Netzmeister überwachen den Betrieb von Versorgungsnetzen und -anlagen. In der Aufstiegsfortbildung geht es um fachliche Themen ebenso wie Führungsfragen? Mehr dazu erfährst du im Berufe-Steckbrief zum Netzmeister.
Mit dem Meisterbrief in der Tasche übernahm Vincent mit nur 24 Jahren seinen eigenen Fachbereich: Wartungsarbeiten. Nach der handwerklich-technischen Ausbildung lag der Fokus nun auf administrativen Aufgaben wie Kundentermine vereinbaren, Personaleinteilung vornehmen und Warenlager betreuen.
Den Respekt der älteren Kolleg*innen musste er sich teilweise erst verdienen. „Plötzlich der Vorgesetzte vom vorherigen Team zu sein, ist eine gewisse Hürde. Es gibt schwierige Situationen und man muss souverän reagieren können. Aber das gehört zum Lernen dazu, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“
Einige Jahre später wechselte Vincent zu den Stadtwerken Erftstadt, um ein Unternehmen kennenzulernen, in dem er nicht groß geworden ist. Zu seinen Aufgaben kam ein neuer Bereich hinzu, für den im Stadtbetrieb Bornheim ein Kollege zuständig war: Neubau und Betrieb. Das heißt, es gab neue Aufgaben wie Verhandlungen mit Dienstleistern, Leistungsverzeichnisse erstellen und pflegen – der kaufmännische Part war hier deutlich stärker ausgeprägt.
Besonders gut gefällt mir das schnelle Umdenken von einem Thema zum nächsten. Alles im Blick zu haben und immer neu zu denken, macht mir viel Spaß.
Vincent Schneider
Projektleiter RheinNetz GmbH
In seine Zeit bei den Stadtwerken Erftstadt fiel die Corona-Pandemie. Eine besondere Herausforderung: „Anfangs war es so, dass wir Wasserzähler im Vollschutzanzug mit Gummihandschuhen und Maske gewechselt haben. Das heißt, zu meinen Aufgaben gehörte auch das Kaufen von Masken, Handschuhen und Desinfektionsmittel. Gleichzeitig mussten die Kolleg*innen aufgeteilt werden. Je nach aktueller Lage hat sich das auch mal täglich geändert, das war eine sehr aufregende und chaotische Zeit.“
Um die Branche noch besser zu verstehen, wechselte Vincent für ein Jahr zur Firma Canönde Tiefbau. Dort lernte er die Perspektive des Dienstleisters kennen, wo Kostenkontrolle und Schnelligkeit an erster Stelle stehen. Seine Aufgaben als Bauleiter waren intensiv: Vincent koordinierte Großbaustellen in Köln und musste sich mit strengen städtischen Auflagen zur Verkehrsführung auseinandersetzen.
Für Vincent war diese Erfahrung sehr wichtig: „Ich wollte wissen, wie ein Dienstleister arbeitet, wie er denkt und warum er darauf gepolt ist, jeden Euro zu verdienen.“ Seine Welt drehte sich um gefühlte 800 Grad und er eilte vom Büro zu einer Baustelle und direkt zur nächsten. Immer mit dabei: das Handy, um alle Ansprechpartner*innen schnell zu kontaktieren und selbst erreichbar zu sein.
Das Hauptwerkzeug war mein Handy. Ich glaube, ich habe am Tag um die 150 Telefonate geführt.
Vincent Schneider
Projektleiter RheinNetz GmbH
Die intensive Zeit beim Dienstleister bot wenig Freizeit, weshalb sich Vincent nach einem Jahr für den Wechsel zum Kölner Großversorger RheinEnergie entschied. Hier startete er als Netzmeister im operativen Betrieb für Unterhaltung, Wartung und das Entstörungsgeschäft.
Für jemanden, der zuvor bei kleineren Versorgern für fast alle Prozesse allein verantwortlich war, bedeutete das Arbeiten im Großkonzern eine enorme Umstellung: Statt der gesamten Kette von Einkauf bis Kundenkontakt, deckte Vincent plötzlich nur noch einen kleineren Teilbereich ab, da die Aufgaben bei der RheinEnergie auf viele verschiedene Abteilungen verteilt sind.
Doch genau diese breite Vorerfahrung erwies sich im Alltag als sein größtes Plus. Seine Kenntnisse über kaufmännische Zusammenhänge, Jahresbudgets und verschiedene Produktvor- und -nachteile halfen Vincent dabei, im Betrieb stets den Blick über den berühmten Tellerrand zu behalten, was auch von seinen Kolleg*innen sehr geschätzt wurde.
Hauptsächlich betreute er das Gas- und Wasser-Hausanschlusswesen sowie die Erstellung und Abtrennung von Anschlüssen, suchte aber auch immer den Austausch abseits der Standardthemen.
Mit der Neustrukturierung und der Trennung von Vertrieb und Netz wechselte Vincent Anfang 2025 zur neu gegründeten Netzgesellschaft RheinNetz GmbH. Dieser Schritt bedeutete für ihn auch einen bewussten Abteilungswechsel vom reinen Betrieb zum Neubaubereich und der Projektleitung. Hier kann er wieder seine gesamte über 20 Jahre aufgebaute Expertise aus Einkauf, Verlegetechnik, kaufmännischem Denken und Kundenkontakt ausschöpfen.
Passend zum aktuellen Thema der kommunalen Wärmeplanung absolvierte Vincent außerdem die Weiterbildung zum Netzmeister Fernwärme, sodass er heute Projekte spartenübergreifend für Gas, Wasser, Fernwärme und Strom betreut.
Mir gefällt vor allem, dass ich immer wieder neue Rohrbausituationen habe. Mir ist egal, ob Gas oder Wasser in dem Rohr ist, aber das Thema Rohre lässt mich nicht los.
Vincent Schneider
Projektleiter RheinNetz GmbH
In seinem neuen Alltag als Projektleiter prüft Vincent die Plausibilität von Planungen. Er hinterfragt kritisch, ob Dimensionsgrößen passen, ob der Fluss der Leitungen Sinn ergibt oder ob eventuell Totstrecken entstehen könnten. Er arbeitet aktiv an Leistungsverzeichnissen mit und trägt die Verantwortung für die Kosten- und Budgetüberwachung.
Trotz der verwaltenden Aufgaben ist er weiterhin viel draußen unterwegs. Besprechungen mit den Straßenbaulastträgern der Stadt finden live vor Ort statt, wobei oft „wirklich über jeden Asphaltkrümel diskutiert“ wird. Vincent schätzt diesen persönlichen Mehrwert: Er kann auf der Baustelle sofort Entscheidungen fällen, anstatt langwierige E-Mails zu schreiben, was auch das Vertrauen der ausführenden Firmen und der betroffenen Kunden stärkt.
Besonders reizen ihn die Projekte, an die sich andere kaum herantrauen. So erinnert Vincent sich stolz an den Bau einer Fernwärmeleitung in einer Kölner Straße, in der alle vier Minuten ein Bus fährt – ein Projekt, das viele zuvor für unmöglich hielten.
Um den direkten Draht zur Praxis nicht zu verlieren, engagiert er sich trotz seiner administrativen Rolle weiterhin im Rufbereitschaftsdienst des Betriebs. Der ständige Wechsel zwischen strategischer Planung und dem spontanen, unplanbaren Reagieren im Notfall ist genau das, was Vincent bis heute an seinem Beruf fasziniert.
In der Versorgung gibt es für jedes Schulfach passende Berufszweige: Wer sportlich affin ist, sollte sich in körperlich intensiveren Berufen wie dem Tiefbau umgucken. Wer sich für chemische oder physikalische Prozesse interessiert, findet was im Bereich Wasserhygiene, Schweiß- oder Labortechnik. Wer Kunst und Zeichnen mag, ist in der Planung und in Planwerksabteilungen gut aufgehoben und wer in Deutsch gut ist, kann im Kundenkontakt oder der Presseabteilung anfangen.
Vincent Schneider
Projektleiter RheinNetz GmbH
Ein wichtiger Begleiter auf Vincents Karriereweg war stets der DVGW. Er engagierte sich als Gründungsvorstand im Jungen DVGW und war hier vor allem für Messeauftritte und Veranstaltungen zuständig. „Von dem Netzwerk profitiere ich noch heute. Es macht sehr viel Spaß, Leute aus der Branche in ganz Deutschland zu kennen“, erzählt er.
Da er mit seinen 36 Jahren die Altersgrenze der Nachwuchsorganisation erreicht hat, ist er nun im „großen“ Verein tätig, zum Beispiel als Beisitzer in der Bezirksgruppe Aachen.
Den Kolleg*innen des Jungen DVGW bleibt er aber eng verbunden und er möchte weiter dazu beitragen, die Strukturen zu modernisieren und jungen Fachkräften eine Plattform zum Austausch zu bieten.
Vincents Arbeitgeber unterstützt sein Engagement ausdrücklich, denn beide Seiten profitieren vom Wissenstransfer: Vincent bringt regelmäßig Impulse und neue Produkte von Fachmessen oder aus Austauschformaten mit in den Betrieb.
Der Junge DVGW ist die Nachwuchsorganisation des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW) und bietet Angebote für alle Nachwuchs- und Fachkräfte in der Branche unter 36 Jahren. Mitglieder werden in der Ausbildung, beim Studium, während des Berufseinstiegs und in ihrer Karriereentwicklung unterstützt.